Fashionsustain und FairFashion

Im Rahmen der Frankfurt Fashion Week fanden am 19. Januar 2022 die Fashionsustain Konferenz und die FairFashion Podiumsdiskussion statt: mit spannenden Paneldiskussionen zum Thema „Nachhaltigkeit in der Bekleidungs- und Schuhindustrie“. Dabei ging es um nachhaltige Modeproduktion, verantwortungsbewusste Einkaufspraktiken, unternehmerische Sorgfaltspflichten und Kreislaufwirtschaft.

 

 

Nachhaltigkeit ist kein Trend, sondern der Zeitgeist.

Das Thema „Nachhaltigkeit“ ist in der Branche relativ neu und rückt erst seit ca. 15 Jahren in die unternehmerische Praxis. Immer mehr Unternehmern lassen ihre Produkte durch Grüne Gütesiegel zertifizieren, weil dadurch die Reichweite der Produkte erhöht und die Unternehmens-kommunikation intensiviert wird. Beispielsweise versicherte Herr Axel Schröder, Sustainability Manager bei Tchibo, dass 30 % aller Tchibo-Textilprodukte mit „Grünem Knopf“ ausgezeichnet und 95 % der baumwollbasierten Bekleidungsprodukte aus ökologischer Baumwolle seien.

Auch kommunale Betriebe ziehen mit: so bestellte die Stadt Frankfurt am Main für ihre Mitarbeitenden der Frankfurter Entsorgungs- und Service GmbH (FES) letztes Jahr fair hergestellte Arbeitskleidung im Wert von 50.000 Euro.

Nachhaltigkeit wird auch für das „Employer Branding“ immer wichtiger. So meinte einer der Podiumsteilnehmer:innen: „Man kriegt heute keine guten Leute mehr, wenn man bei diesen Themen nicht mitspielt.“

 

Angestrebtes Ziel: die Kreislaufwirtschaft

Einige Modemarken haben sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, eigene Produkte am Ende der Nutzung in den ökologischen Kreislauf zurückzuführen – ganz ohne Rückstände. Dies ist nur möglich, wenn von Anfang an die Recycelbarkeit und Kompostierbarkeit mitgedacht werden: was muss bereits beim Design und den verwendeten Materialien von Kleidung und Schuhen berücksichtigt und umgesetzt werden, damit das Endprodukt recyclingfähig bzw. kompostierbar sein wird.

A

20220119_145046 Fashion 3 kleiner

Einsatz natürlicher Rohstoffe

Auf der Suche nach alternativen Rohstoffen, die für Modeartikel verwendbar sind, ist man u. a. auf die Rosenpflanze und den Kaffeesatz gestoßen.

Die sogenannte Rosenviskose entsteht aus Stängeln und Blättern der Rose und wird energie- und wasserschonend angebaut und hergestellt. Die aus der Rose gewonnenen Fasern werden mit Baumwolle zu einem seidigen, pflegeleichten Mischgewebe weiterverarbeitet. Ein schöner Nebeneffekt: Die aus diesem Mischgewebe genähte Kleidung duftet angenehm nach Rosen.

Textilfasern werden auch aus Kaffeesatz hergestellt. Die Eigenschaften solcher Fasern sind insbesondere für die Outdoor- und Sportbekleidung geeignet, denn sie sind geruchshemmend, trocknen schnell und haben einen natürlichen UV-Schutz.

Modefirma und Recyclingunternehmen in einem

Die Branche will sogar selbst zum Recycler ihrer Produkte werden: Diesbezüglich ambitionierte Hersteller übernehmen Verantwortung für die Rücknahme und die Entsorgung der verkauften Produkte. Fast jede große Modekette hat inzwischen Recyclingsysteme für Altkleider und getragene Schuhe eingerichtet.

Doch nach wie vor fällt ein Teil von Gebrauchtkleidung und -schuhen aus der Recyclingkette heraus und landet auf riesigen Mülldeponien in Afrika. Allgemein ist die Branche dafür bekannt, dass unverkaufte, makellose Neuware aus Gründen des häufigen Kollektionswechsels und sich rasant verändernder Modetrends vernichtet wird.

Die Wege entsorgter Turnschuhe

Das Start-up Flip GmbH stellte sich die Frage, was mit den 1,5 Mrd. jährlich weltweit verkauften Turnschuhen passiert, wenn sie nicht mehr getragen werden. Eine sehr sinnvolle Frage – nicht nur aufgrund der verblüffend hohen Anzahl, sondern auch, wenn man bedenkt, dass ein Turnschuh aus bis zu 40 verschiedenen Materialien bestehen kann.

Das Start-up kauft getragene Turnschuhe von berühmten Personen, baut einen GPS-Chip ein und gibt diese in verschiedene Entsorgungskanäle. Auf der Webseite des Unternehmens kann man den Weg der Turnschuhe über die halbe Welt über drei bis vier Monate hinweg live verfolgen.

Inkrafttreten des Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes 2023 und 2024

In Billiglohnländern existiert ein von internationalen Modeunternehmen aufgebautes System, das darauf abzielt, Herstellungskosten, insbesondere Löhne, dauerhaft niedrig zu halten. Dieses System verhindert Innovation, andere Herangehensweisen und bessere Arbeitsbedingungen und wird von unserer westlichen Konsumgesellschaft extrem angeheizt.

Das Thema „Nachhaltigkeit in der Textilindustrie“ beschränkt sich daher nicht nur auf alternative Materialien, Ressourcenschonung und Kreislaufwirtschaft. Weitere Hauptthemen der Textilindustrie sind menschenwürdige Arbeitsbedingungen, insbesondere die Vermeidung von Kinder- und Zwangsarbeit im globalen Süden, sowie existenzsichernde Löhne.

a

 

20220119_143928 Fashion 1 kleiner

Aus diesen Gründen beschloss der Deutsche Bundestag am 11. Juni 2021 das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG). Dieses Gesetz soll der Verbesserung der internationalen Menschenrechtslage dienen, indem es Anforderungen an ein verantwortungsvolles Management von Lieferketten festlegt, wobei die Sorgfaltspflichten nach der Einflussmöglichkeit der Unternehmen bzw. Zweigniederlassungen abgestuft sind.

Das Gesetz ist ab 1. Januar 2023 für in Deutschland ansässige Unternehmen und Unternehmen mit einer Zweigniederlassung gemäß § 13 d HGB mit mindestens 3.000 Beschäftigten in Deutschland anwendbar (ca. 900 Unternehmen). Ab 1. Januar 2024 gilt es für ca. 4.800 Unternehmen mit mindestens 1.000 Beschäftigten aus verschiedenen Branchen.

Es ist das erste Gesetz weltweit, das Unternehmen in diesem Ausmaß und dieser Art verpflichtet, den Schutz der Menschenrechte in globalen Lieferketten sicherzustellen – von der Rohstoffbeschaffung und Herstellung bis hin zum Einzelhandel.

Vorbereitungen und einheitliche Standards

Bei den hiervon betroffenen Unternehmen laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren, denn nun sind die Firmen verpflichtet, eine Risikoanalyse durchzuführen, um die Aussagen eigener Zulieferer zu plausibilisieren, ein Beschwerdemanagement einzurichten und entsprechende Maßnahmen zu ergreifen.

Dies bedeutet eine sorgfältige Lieferantenauswahl inklusive Audits von Bedingungen vor Ort über mehrere Jahre. Ein großer Vorteil des Gesetzes ist die Einführung einheitlicher Standards über alle Branchen hinweg, der das Engagement und die Zusammenarbeit deutscher Unternehmen in den Zulieferländern beflügeln und die dortige Situation bis hin zum Aufbau von Sozialsicherungssystemen verbessern soll.

Pandemiebedingte Produktionsverschiebungen von Asien nach Osteuropa

Aufgrund der anhaltenden Corona-Pandemie haben einige Textilunternehmen angefangen, ihre Produktionsstandorte aus Asien in osteuropäische Länder (zurück) zu verlegen. Es wird erwartet, dass weitere Unternehmen diesem Trend folgen werden, insbesondere deshalb, weil die Einhaltung des neuen LkS-Gesetzes dank der deutlich kürzeren Transportwege sowie den, mit dem eigenen Heimatland eher vergleichbaren Rahmenbedingungen wesentlich erleichtert wird.

20220207_172750 Fashion magazine 1 1000 pixel kleiner

Unterstützung durch Verbände und Nichtregierungsorganisationen

Das Thema „Nachhaltigkeit in der Bekleidungsindustrie“ ist sehr komplex und daher nicht leicht zu durchdringen, auch wenn man sich damit schon länger auseinandersetzt. Kleine Unternehmen können sich diesem Thema aufgrund geringer Personalkapazitäten und Kapitalressourcen oft nur im beschränkten Maße widmen.

Obwohl es für kleine und mittelgroße Unternehmen keine gesetzliche Verpflichtung in dieser Hinsicht gibt: viele dieser Unternehmen wollen sich dennoch engagieren. Hierbei werden sie durch verschiedene Verbände und Nichtregierungsorganisationen unterstützt. So wies Herr Rapha Breyer, Textilienexperte von FAIRTRADE, auf einige „Best-Practice“-Beispiele in Indien hin, die sich mit geringen Ressourcen umsetzen ließen und gleichzeitig eine große Wirkung vor Ort hätten. Darüber hinaus soll der Wissenstransfer zwischen den nachhaltigen Marken intensiviert werden. Was die wirtschaftliche Situation angeht, sind viele Unternehmen überzeugt, dass sich die höheren Kosten einer nachhaltigen Produktion amortisieren werden.

Arbeitsrechte und Umweltschutz stecken in jedem Kleidungsstück, das wir tragen.

Seit Jahren wird auch auf der Konsumentenseite ein zunehmendes Interesse an nachhaltig produzierter Mode beobachtet. Doch die sogenannte Verhaltenslücke ist noch ziemlich groß, denn laut mehreren Umfragen behaupten 80 % der Konsument:innen, dass die Nachhaltigkeit für sie wichtig ist; jedoch im eigenen Konsumverhalten spiegelt sich dies nicht bzw. nicht konsequent wider. Nachhaltig zu denken, ist wichtig. Noch wichtiger ist es jedoch, nachhaltig zu handeln. Branchenpioniere erforschen, inwieweit die Verbraucher:innen tatsächlich bereit sind, das nachhaltige Angebot im eigenen Kleiderschrank unterzubringen.

Für die Verhaltenslücke gibt es zahlreiche Gründe:

  • mangelnde Auswahl an nachhaltiger Mode im Einzelhandelssortiment
  • geringe Sichtbarkeit und Bekanntheit von nachhaltigen Modemarken
  • speziell zum Thema „Nachhaltigkeit“ nicht ausreichend geschultes Verkaufspersonal
  • der für Verbraucher:innen verwirrende „Zertifizierungsdschungel“
  • die tendenzielle Preis-Wahrnehmung der nachhaltigen Marken als „zu teuer“

A

Der oft zitierte Generationenkonflikt als Bremsklotz bei der Nachhaltigkeitsumstellung darf keine Entschuldigung sein. Die Neurowissenschaftlerin, Frau Prof. Dr. Maren Urner, betonte, dass – physiologisch gesehen – die Flexibilität des Gehirns bis ins hohe Alter gewährleistet ist, so dass ein Mensch grundsätzlich immer imstande wäre, etwas Neues zu lernen und sich auf ein nachhaltiges Leben umzustellen. Dabei gilt es, neugierig zu bleiben und nicht an den bisherigen Verhaltensweisen festzuhalten.

Durch das, was wir in unserem täglichen Leben tun, beeinflussen wie auch das Verhalten und die Einstellungen anderer Menschen. Ein einzelner Mensch kann etwas bewegen und etwas verändern, auch wenn diese Veränderung oft nicht sofort sichtbar wird.

Durch ein bewusst sozial-ökologisches Konsumverhalten können wir nicht nur die nachhaltigen Unternehmen direkt durch Umsatzsteigerung unterstützen, sondern auch anderen Menschen Denkanstöße vermitteln, es uns nachzutun. Das trifft ebenso auf das Produktions- bzw. Beschaffungsverhalten der Unternehmen zu, denn unsere Kaufentscheidungen beeinflussen das Angebot.

Fazit

Alle anwesenden Expert:innen waren sich einig:
Nachhaltigkeit ist kein vorübergehender Trend, sondern der auf Dauer ausgelegte Zeitgeist.

Fair produzierte und fair gehandelte Produkte stellen bislang noch einen kleinen, jedoch stetig wachsenden Bereich der Textilindustrie dar. Wir können diesen Bereich stärken, indem wir Geschäftsmodelle finden, die sowohl ökologisch und sozial, als auch wirtschaftlich tragfähig sind.

https://frankfurt.fashion/de/

https://www.youtube.com/watch?v=IJvx_Q5WCAM

https://letsflip.de/sneakerjagd/

https://www.fairtrade.de/

https://www.gruener-knopf.de/

https://www.heilbronn.dhbw.de/de/news/beitrag/sustainability-in-der-modebranche-warum-kaufen-nicht-mehr-menschen-nachhaltige-mode.html